1959er Pokaltriumph des ETB am Tag nach Weihnachten

Fußball an Weihnachten? In England ist das völlig normal, ja sogar Kult. Am 26. Dezember steht in der Premier League stets ein kompletter Spieltag an, und die Fans fiebern dem Boxing Day (wörtlich übersetzt: Geschenkschachtel-Tag)  entgegen. In diesem Jahr stehen gleich zwei Londonder Derbys auf dem Programm: Spitzenreiter FC Chelsea empfängt West Ham United, der FC Arsenal trifft auf die Queens Park Rangers.

In Deutschland genießen Profis wie Amateure hingegen ihren Weihnachtsurlaub, und kein Mensch käme auf die Idee, Meisterschafts- oder Pokalspiele auszutragen. Vor 55 Jahren war das ganz anders. Damals bereiteten sich die Kicker des Essener Turnerbundes an Weihnachten auf das Endspiel um die deutsche Pokalmeisterschaft (so hieß damals der Wettbewerb) vor, dass der Deutsche Fußball-Bund für den 27. Dezember 1959 angesetzt hatte. Im Kasseler Aue-Stadion trafen die Schwarz-Weißen auf den Südwest-Vertreter Borussia Neunkirchen – und siegten mit 5:2.

Es war der größte Erfolg in der inzwischen 114-jährigen Vereinsgeschichte der Essener, die 1951 erstmals in die Oberliga West, damals die höchste deutsche Spielklasse, aufgestiegen waren. Fortan wurde die schon traditionelle Rivalität mit dem Nachbarn Rot-Weiss gepflegt. Angesichts der Dominanz des Lokalrivalen, der 1953 Pokalsieger und 1955 Deutscher Meister geworden war, rüstete auch der ETB auf. Namhafte Spieler wie Edmund Kasperski (Borussia Dortmund) oder Hubert Schieth (Eintracht Frankfurt) fanden den Weg zum Uhlenkrug.

Auf dem Weg ins Finale hatte sich der ETB, der im Frühjahr 1959 nach zweijähriger Abstinenz den Wiederaufstieg geschafft hatte, zum Favoritenschreck entwickelt. Bei Hertha BSC Berlin hatten sich die Schwarz-Weißen mit 6:3 durchgesetzt, mit ihrem 2:1-Erfolg nach Verlängerung beim Norddeutschen Meister Hamburger SV hatten sie für eine echte Sensation gesorgt. „Unser Wille hat Berge versetzt, und jeder Spieler hat bis zum Umfallen gekämpft“, frohlockte Trainer Hans Wendlandt nach dem Triumph im Volksparkstadion.

Vor dem Halbfinale hatte Kapitän „Ede“ Kasperski (auf unserem Bild mit Pokal) prognostiziert: „Für uns ist das Spiel gegen den HSV schon das Finale, denn wenn wir auch hier bestehen, gehört der Pokal uns.“ Der Routinier sollte Recht behalten. Die Schwarz-Weißen dominierten gegen Borussia Neunkirchen eindeutig und drückten ihre Überlegenheit im zweiten Durchgang auch in Toren aus. Manfred Rummel, der seine Farben in der 25. Minute in Führung gebracht hatte, traf auch zum 2:0 (50.), Theo Klöckner, Horst Trimhold (70.) und Hubert Schieth (80.) erhöhten auf 5:0, ehe den Saarländern in der Schlussphase durch Emser (86.) und Dörrenbacher (87.) noch zwei Ehrentreffer gelangen.

Nicht wenige prophezeiten nach diesem Triumph glorreiche Zeiten für den ETB. Eine Fehleinschätzung. Nur wenige Monate nach dem Pokalsieg stiegen die Schwarz-Weißen aus der Oberliga West ab und verpassten auch die Qualifikation für die eingleisige Bundesliga, die am 24. August 1963 ihren Spielbetrieb aufnahm.

Die Aufstellung der Pokalsieger-Mannschaft: Merchel, Mozin, Pips, Steinmann, Kasperski, Ingenbold, Schieth, Küppers, Trimhold, Rummel, Klöckner

Michael Köster

Bild: © ETB-Archiv

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