Auszeichnung für Ursula Flore bei der Sportmeisterehrung

Am 26. März 2014 titelte die örtliche Tagespresse: "Quote: Deutschland sucht 174 Managerinnen. Regierung will 30-prozentigen Frauenanteil in Spitzenjobs"

Im 21. Jahrhundert ist die Gleichberechtigung der Frau in unserer Gesellschaft immer noch ein Thema.

Vor diesem Hintergrund wird es noch deutlicher, welchen Weg die heute zu Ehrende einschlug und welche Bedeutung ihr Wirken für den Judosport hat, als sie 1957 (vor 57 Jahren!) ihre sportliche Karriere als eine der ersten weiblichen Judokas begann. Damals ist diese Sportart noch eine absolute Männerdomäne. Kraft und Kampfsport mit weiblicher Beteiligung? Frauen können doch gar nicht kämpfen, so die damalige Auffassung. Schnell zeigte sich aber, dass Ursula Flore den Zeitgeist getroffen hatte. Warum sollten Frauen nicht auch Kraft oder Kampfsportarten ausüben?

Bereits nach 10 Jahren legte Ursula Flore im Mai 1968 ihre erste Dan-Prüfung (Schwarzer Gurt, der 1. Meistergrad) ab. Im April 1970 den 2. Dan und im Mai 1973 dann den 3. Dan. Damit war sie lange Zeit höchste weibliche Dan-Trägerin. Neben dem Ablegen von theoretischen Meisterprüfungen, die bei den Judokas nicht aus einem schriftlichen Teil bestehen, sondern Judovorführungen in absoluter Präzision verlangen, verfolgte Ursula Flore auch eine wettkampforientierte Karriere.

1968 errang sie den 1. Platz in der Landes-Kata-Meisterschaft und wiederholte diesen Erfolg im Jahre 1969. Diese Siege führten dazu, dass sie ab 1970 Mitglied der Bewertungs- und Prüfungskommission und 1972 zur Ersatzkämpferin in der DJB-Mannschaft wurde. Hier ist sie für das internationale Pokalturnier in Bratislava nominiert worden.

Im Judo geht es nicht ohne Lizenzen. So erwarb Ursula Flore 1968 die Lizenz zum Kreiskampfrichter, besser gesagt zur Kampfrichterin und im gleichen Jahr die Übungsleiter „F“- und „A“-Lizenzen und die der Kyo-Prüfer. 1971 schließlich erwarb sie die Lizenz Jugendleiter „F“. Die A- und F-Lizenzen haben bis heute Gültigkeit, da Ursula Flore über die Jahrzehnte mit Erfolg die Verlängerungsprüfungen absolvierte.

Neben all ihrem Wissen aus der Theorie konnte Ursula Flore auf der Trainingsfläche ordentlich zupacken, auch wenn es hier und da nicht ohne Schmerzen oder Blessuren abging. Ursula Flore lebte den Judosport. Sie verkörperte nicht die zaghaften oder zimperlichen weiblichen Vertreterinnen in dieser Sportart, sondern machte vielmehr keine Unterschiede zu ihren männlichen Vertretern.

Bei solch einem Erfolg blieb es natürlich nicht aus, dass ihr Ehrenämter fast zwangsläufig angetragen wurden. So wurde Ursula Flore 1967 zur 2. Vorsitzenden des 1. Essener Judoclubs 1950 e. V. gewählt, und das als Frau vor 64 Jahren in einem Kampfsportverein! Diese Anmerkung sei im Hinblick auf die Zeitungsmeldung von März 2014 erlaubt. Auch während ihrer Zeit als Vorsitzende des Vereins ließ es sich Ursula Flore nicht nehmen, ihr Wissen als Trainerin an Jugendliche und Erwachsene weiterzugeben. Im Jahr darauf rückte sie an die Spitze des 1. Essener Judoclubs 1950 e. V und behielt diese Funktion fast 30 Jahre lang inne bis sie 1979 den Vereinsvorsitz aufgab. Aufgrund der besonderen Verdienste wurde Ursula Flore zur Ehrenvorsitzenden des Vereins ernannt. Die Beendigung des Vorsitzes beim 1. Essener Judoclub war nicht damit begründet, dass Ursula Flore sich zurückziehen wollte. Nein, vielmehr sah sie den Erfolg im Essener Judo darin, dass sich die besten Kämpferinnen und Kämpfer der Essener Vereine zu einer Kampfgemeinschaft zusammenschließen, um auf nationaler Ebene erfolgreicher zu sein. 1970 war Ursula Flore neben Dieter Bruns und Mathias Schießleder Gründungsmitglied der Judo-Kampfgemeinschaft e. V., rückte später an die Spitze des Vereins und ist bis heute deren Vorsitzende.

Überdies übt sie seit 1971 (also bereits 43 Jahre) die Tätigkeit als Spartenleiterin der Fachschaft Budo im Essener Sportbund e. V. aus.

Nachfolgende Stationen von Ursula Flore zeigen deutlich auf, dass es ihr ein Anliegen war, persönlich für den Judosport, und besonders für Frauen, zu werben und sich auf Verbandsebene dafür einzusetzen:

  • 1968 wurde sie Bezirks-Frauen- und Mädelvertreterin im Regierungsbezirk Düsseldorf. Zeitgleich war sie Kreis-Jugendleiterin im Kreis Essen. Es folgte die Nominierung zur Frauenwartin des Nordrhein-Westfälischen Judobundes.
  • 1969 fand die erste Besprechung des DJL mit Landesverbänden in Frankfurt über die Einführung des neuen Ressorts Bundesfrauenwartin im DJB statt. Ursula Flore übernahm mehrfach die Vertretung dieses Ressorts im DJB.
  • 1971 leitete sie den Bundes-Kata-Lehrgang in Dortmund sowie weitere Landes-Kata-Lehrgänge.
  • 1977 beendete Ursula Flore ihre Tätigkeit als Landesfrauenwartin.

Wer sich so engagiert, erhält auch in seinem Sportleben viele Auszeichnungen und Anerkennungen:

  • Für Ihr Wirken wurde Ursula Flore 1970 mit der Bronze-Ehrennadel des NWJV und 1976 mit der Bronze-Ehrennadel des DJB ausgezeichnet.
  • 1977 wurde ihr die Plakette für Verdienste in der Sportführung durch den Oberbürgermeister der Stadt Essen überreicht.
  • 1978 folgte die Goldene Ehrennadel des NWJV und 2001 die goldene Ehrennadel des Essener Sportbundes e. V.
  • Im Jahre 2004 verlieh ihr der Bundespräsident für ihre herausragenden gesellschaftlichen Leistungen das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Ursula Flore steht für ein lebenslanges aktives Judoleben und ist zudem eine herausragende Funktionärin weit über die Grenzen Essens hinaus. Sie war und ist die Wegbereiterin des Frauenjudosports in Essen und auf nationaler Ebene. Ihrem Zeitgeist ist es zu verdanken, dass Frauen heute dem Judosport nicht nur selbstverständlich, sondern auch sehr erfolgreich nachgehen. Die weiblichen Nachfahren Ursula Flores, die Mädchen und Frauen des 1. Essener Judoclubs, haben viele Preise auf nationaler Ebene erkämpft. Diese Erfolge beruhen auf der Pionierarbeit einer engagierten Sportsfrau.

Ursula Flore hat ihr Leben dem Judosport gewidmet, der ihr auf kommunaler und nationaler Ebene viel zu verdanken hat. Sie hat gezeigt, dass diese Sportart nicht nur den Männern vorbehalten ist. Sie war Pionierin und ist bis heute Idealistin und Botschafterin – aber wie es sich für eine traditionelle Judofrau gehört, bescheiden und demütig.

Ihr Engagement kann nicht hoch genug gewürdigt werden.

Wolfgang Rohrberg

Bild: © Elke Brochhagen

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