Essener Derby: Arbeiterclub gegen Lackschuhverein oder David gegen Goliath

Derbys im Fußball sind nunmal das Salz in der Suppe.  Wenn zwei Rivalen aus einer Stadt in einer Liga um Punkte kämpfen oder im Pokal aufeinandertreffen, dann ist zumeist Feuer unterm Stadiondach. In Essen ist es am Freitagabend, 5. September, mal wieder soweit. Der FC Kray fordert Rot-Weiss Essen an der Hafenstraße zum Regionalliga-Duell heraus.

Celtic Glasgow gegen Glasgow Rangers, Manchester United gegen Manchester City, Real Madrid gegen Atletico Madrid oder AS Rom gegen Lazio Rom – die Liste internationaler Klassiker lässt sich beliebig fortsetzen. Als brisantestes Derby in Deutschland galt einst das Münchner Stadtderby. FC Bayern gegen TSV 1860, der Nobelclub von der Säbener Straße gegen den Arbeiterverein von der Grünwalder Straße.

Auch in Essen wurde über Jahrzehnte der Derby-Kult gepflegt. Rot-Weiss gegen Schwarz-Weiß, das war armer Norden gegen reicher Süden, das war Arbeiterclub gegen Lackschuhverein. Wenn RWE und der ETB aufeinander prallten, dann flogen häufig die Fetzen. So war es schon in den 1950er Jahren in der  Oberliga West, und so war es später in der Regionalliga West, damals die zweithöchste deutsche Spielklasse. In bester Erinnerung ist das Duell vom 12. November 1972: 13000 Zuschauer sahen im Georg-Melches-Stadion einen 6:5-Erfolg der Rot-Weissen. Unvergessen bleibt aber auch der 8. April 1985. Sagenhafte 30000 Fans verfolgten an jenem Ostermontag das Schlagerspiel der Oberliga Nordrrhein. Diesmal gewann RWE mit 3:1 und schaffte wenige Wochen später die Rückkehr in die Zweite Liga.

Lang, lang ist’s her, und der Ruhm ist längst verblasst. Seit Jahren kickt RWE nur noch vierklassig, und der ETB fristet inzwischen in der Oberliga Niederrhein ein Mauerblümchendasein. Längst hat der FC Kray die Schwarz-Weißen, die  in den vergangenen Monaten mehr durch Querelen hinter den Kulissen denn durch sportliche Leistungen für Schlagzeilen sorgten, als zweite Kraft im Essener Fußball abgelöst. Quasi durch die Hintertür schaffte der Fusionsclub im Mai den direkten Wiederaufstieg in die Regionalliga West. Nachdem Oberliga-Meister SV Hönnepel-Niedermörmter verzichtet hatte, ergriff der Vizemeister aus dem Essener Osten die Chance beim Schopf.

Wurde der FC Kray vor zwei Jahren bei seinem ersten „Abenteuer“ noch als Exot ohne wirkliche Chance auf den Klassenerhalt belächelt, so trauen ihm heute deutlich mehr Fußball-Experten zu, am Ende über dem Strich zu stehen. Die bisherigen Ergebnisse sprechen jedenfalls dafür, die Siege über die Mitkonkurrenten SG Wattenscheid 09 (2:1) und FC Hennef 05 (3:2) dürften das Selbstvertrauen der Truppe von Trainer Michael Lorenz gestärkt haben.

Der Coach ist übrigens nicht der einzige ehemalige Rot-Weisse beim FCK. Torwart Philipp Kunz und Innenverteidiger Vincent Wagner wechselten im Sommer zur Buderusstraße, nachdem sie an der Hafenstraße ausgemustert worden waren. Vor allem der Umgang der RWE-Verantwortlichen mit  Integrationsfigur Wagner stieß den Fans übel auf.

Das Derby am Freitagabend birgt also eine Menge Brisanz, und der nach fünf Spielen noch ungeschlagene Favorit aus Bergeborbeck müsste allein durch das Ergebnis des letzten Aufeinandertreffens in der Regionalliga gewarnt sein. Am 31. März 2013 (Foto) trotzte der David dem Goliath in dessen Wohnzimmer und unter Flutlicht ein respektables 0:0 ab.

Michael Köster

Foto: © FC Kray

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