Geburtstagsmarathon vor der Haustür – Wibke Harnischmacher erläuft Jubiläum und blickt zurück

Gestern

Als wäre es gestern gewesen, mein erster Marathon in Köln 2013. Singende Menschen, laute Musikbands, buntes Treiben mit Blick auf den Dom – Kölner machen eben alles irgendwie zu Karneval. Das war also dein Ziel, denke ich, wenige Kilometer vor dem Zieleinlauf – ein bisschen wehmütig, denn es ist toll! Hätte mir damals jemand gesagt, dass es nicht das Ende, sondern erst der Beginn meiner ‚Laufreise‘ ist, ich hätte ihm lachend gleich noch ein Kölsch besorgt. Zu diesem Zeitpunkt gehe ich davon aus, dass es sich um ein einmaliges Erlebnis handelt; schließlich sind meine Voraussetzungen denkbar ungeeignet: 17 Jahren des herzhaften Rauchens und zuckrigen Essens liegen hinter mir; mein ‚schräges‘ orthopädisches Handicap an Fuß und Rücken bleibt mir; aus ärztlicher Sicht ist es ein Wagnis ein Marathontraining aufzunehmen.

Allerdings oder vielleicht gerade deswegen bin ich fasziniert vom langen, ausdauernden Laufen. „Schuld“ daran trägt vielleicht auch die Olympiade 1996 – weniger die Marathonläufer, denn die 50km-Geher, die Fernsehbilder des asketischen Siegers Robert Korzeniowski im gleißenden Sonnenlicht haben sich mir eingebrannt; damals starte ich einen meiner ersten Versuche zu laufen. Man muss alle Fehler offensichtlich einmal selbst begehen: Alte Schulsportturnschuhe, keine Laufeinlagen, viel zu schnelle Steigerung der Umfänge werden mit Knieschmerzen quittiert; so gerät das eigene Laufen zunächst für etwa 15 Jahre in Vergessenheit.

2011 dann, ich habe es meinem Mann versprochen, gebe ich das Rauchen endgültig auf. Ich will nicht noch mehr Süßkram essen und erinnere ich mich im Urlaub daran, wie sehr ich Langläuferinnen und –läufer immer bewundert habe. „Lang“ ist ein dehnbarer Begriff: Zu diesem Zeitpunkt sind zwei Minuten laufen für mich schon sehr, sehr lang – tja, Raucherlunge halt. Doch diesmal habe ich mehr Glück als vor 15 Jahren: Ich arbeite mich langsam voran im Training und leiste mir (dank Orthopädie Göhausen am Krayer Markt) vernünftige Einlagen und neue Laufschuhe. Was der Verkäufer wohl damals dachte, als ich ihm sage, dass ich Schuhe suche, mit denen ich irgendwann mal einen Marathon laufen möchte? Er hat sich bestimmt köstlich über meine Naivität amüsiert, nimmt mein Anliegen aber todernst und verkauft mir ein Schuhmodell, mit dem ich über Jahre hinweg glücklich auf langen Strecken unterwegs bin. Glücklich auch deshalb, weil ich durch das Laufen (wie als Kind) wieder einen Blick dafür habe, wie die Natur sich über die Jahreszeiten hin verändert, weil ich da Zeit habe, spazieren zu denken, weil es pure Freiheit bedeutet, in Pfützen zu springen und Wind und Wetter entgegen zu lachen.

Rund ein halbes Jahr nach meinem ersten Marathonabenteuer wage ich mich erneut an die Marathondistanz; es ist heiß, ich habe wenig trainiert, ich bin übermütig und starte viel zu schnell. Wie war das mit den Fehlern? Genau, unbedingt jeden einzelnen selber machen! Laufen hält auch in dieser Hinsicht jung.

Im Herbst 2014 deutet sich, wenn ich es rückblickend betrachte, ein erstes Verhaltensmuster für mich an: Geburtstag laufend auf der Straße mit Familie, Freunden und Kollegen feiern und damit Spenden sammeln – funktioniert und macht doppelt glücklich. Noch aber fehlt mir eine wichtige Zutat: meine Mitgliedschaft beim Lauftreff des TC Kray 1892 e.V. folgt 2015. Es ist für mich ein Schritt in eine Welt, von deren Existenz ich davor weder eine rechte Ahnung hatte noch bei Eintritt davon zu träumen wagte, jemals ein ganz kleiner Teil davon zu werden.

Bei diesen im wahrsten Sinne vorbildlichen Läuferinnen und Läufern lerne ich, warum und wie man sehr wohl mehrere Marathons im Jahr/ im Monat/ in der Woche laufen kann (wohlgemerkt ohne Verletzung, aber mit sehr viel Spaß), warum Laufen im Kreis (bei 6-/ 12- oder 24-Stunden-Läufen) tatsächlich Sinn hat und glücklich macht, vor allem aber, wie sehr diese vermeintliche einsame Sportart viel eher doch eine Team-Leistung ist – manchmal garniert mit einem kurzerhand besorgten Eis kurz vor dem gemeinsamen Zieleinlauf.

So ist es denn auch folgerichtig, dass ich irgendwann auf die Anzahl meiner gelaufenen Marathons und Ultras schiele und sich eine verrückte Idee festsetzt: Im September 2018 steht der 42. Geburtstag an. Warum nicht bis dahin auch 42 offizielle, mindestens 42,195km lange Läufe sammeln und die Freude, die sich bis dahin angesammelt hat, für einen guten Zweck weitergeben? Anfang September ist es geschafft – und nur ein bisschen geschummelt, es sind sogar 50 Marathons (mit Ultras) geworden!

 

Heute

Wie fasst man so viel glückliche Dankbarkeit in Worte? Diese Frage geht mir am Morgen dieser besonderen Geburtstagsparty immer wieder durch den Kopf. Klar, es gab schon viel längere Läufe (auf denen ich tatsächlich ein kleines Lauftalent an mir entdeckte: die Nacht durch laufen), es gab interessantere Sehenswürdigkeiten an den Laufstrecken, sportlichere Ambitionen und natürlich professionellere Laufveranstalter als mich heute, aber ein Marathon vor der Haustür ist trotzdem etwas ganz Besonderes. Die Laufparty beginnt schon viel vorher mit dem Startnummern- und Urkundenbasteln, der Streckenvermessung, der Markierung, vor allem aber mit den vielen lieben Menschen, die vorher, währenddessen und nachher als Helfer zupacken.

Das hier ist im wahrsten Sinne mein Lebenslauf: So zeigen die Streckenpfeile erst in die ‚falsche‘ Richtung, so laufen wir anschließend im Uhrzeigersinn an der Ruhr, so gibt es nicht nur Sonne, sondern auch mal Regen, so gibt es Krisen, aber stets auch Galgenhumor, so gibt es lautes Schimpfen und leises Schmunzeln.

Das pralle Leben spielt sich nicht nur auf der Strecke ab – wunderbar „garniert“ mit Durchhalte-Sprüchen von Sonja, meiner Lauftreff-Leiterkollegin und anderer GREND-Runners, unseres Steeler Lauftreffs (der sich immer über Neuzugänge freut!), sondern auch ganz besonders am Verpflegungspunkt. Meine besten Freundinnen und Freunde, Kollegen, Vereinskameraden und immer wieder mein großartiger mein Mann und unsere beiden wunderbaren Töchter lassen mein Herz hüpfen. Insbesondere die kleinen und großen, vielfach preisgekrönten Turnerinnen des TC Kray (an diesem Tag unter der Leitung von Henrike Geske) begeistern alle mit ihrer Tanz-Akrobatik-Choreographie, die sie mehrmals unter dem Klatschen immer wieder wechselnder Zuschauer (Sportler und Passanten) wiederholen „müssen“.

Was für ein Privileg, so viele interessante, tolle Menschen bei dieser Lebenslaufparty dabei zu haben. Es herrscht ein stetiges Kommen und Gehen über den Morgen und Mittag, Läufer, Wanderer, Inliner, Radler, Roller… jede Fortbewegungsart ist heute vertreten. Mit mir laufen zehn einen ganzen Marathon an dem Tag. Siegerin und Sieger des Tages sind Birgit Jahn (05:03:35 h) und Rafael Rodriguez Baena (03:56:05 h); als erfahrene Marathonläufer begleiten beide über lang oder kurz immer wieder Vereinskollegen unseres TC Kray 1892 e.v., so Jerome Chialo (ebenfalls 05:03:35 h), der an dem Tag seinen zweiten Marathon läuft. Auch die befreundeten Borbecker Raketen haben einen versierten Mann im Feld: Dennis John, Sammler des bald 200. Marathons und Ultras und vor allem stolzer Papa, finished in 04:19:59 h.

Eine besondere Ehre für meinen kleinen Geburtstagslauf ist, dass gleich zwei Marathon-Novizen an dem Tag ihr Ziel erreichen: Miko Mazzoli benötigt weniger als fünf Stunden und beendet den Lauf in Begleitung des ‚rasenden‘ Reporters Ralf Schuster in tollen 04:58:59 h. Simeon Harder (Zielzeit: 05:11:00 h) mit gerade einmal 19 Jahren der Jüngste im Teilnehmerfeld, hält sich lange zurück und bildet Runde um Runde gemeinsam mit seinem Vater Jens Harder (05:23:27 h) eine freundliche Lauf-Eskorte für mich.

Wie geplant als Allerletzte mit einer Zeit von 05:24:21 in’s Ziel zu laufen ist mir heute nicht ganz vergönnt. Lauffreund Marcus Kohnen trickst mich aus, erreicht aber auch gesund und glücklich nach 05:40:00 h das Ziel am Vereinsheim des SV Steele 1911 e.V., in dem danach fürstlich gefeiert wird – der Ort und die Menschen hinter der Theke machen den Tag für uns vor der Theke perfekt! Der Hauptmuskelkater ist der im Gesicht – vom glücklichen Dauerlachen!

 

Das wichtigste Ergebnis des Tages aber: mehr als 1400 Euro Spendenzusagen sind für das „Café Schließfach“ (http://www.skf-essen.de/gefaehrdetenhilfe/caf-schliessfach.html) zusammengekommen!

 

Morgen

„Was kommt denn jetzt eigentlich?“ fragen mich am Morgen nach der Party meine Töchter. Gibt es eine neue Idee, einen neuen roten Faden? Gibt es – wir werden sehen. Ungewissheit besser aushalten zu können und Pläne anzupassen, das habe ich auch beim Laufen gelernt.

Ziele und verrückte Träume können wunderbare Helfer sein, sich in unbekanntes Terrain zu wagen – nicht nur beim Laufen. Was für ein großes Glück, das alles zu erleben, ich kann es kaum fassen!

Es gibt Menschen, die den Verlauf eines Marathons mit dem menschlichen Leben vergleichen. Am Anfang leicht und ungestüm, hinten raus manchmal hart und bockig, ein fröhlicher Zieleinlauf mit Menschen, die Dich zum Schluss in den Arm nehmen. Wann auch immer der Zielspurt für mich einmal gekommen sein wird: Ich möchte ihn just so erleben wie diesen Tag. Danke! 🙂

Wibke Harnischmacher

 

Bild: © Ralf Schuster

 

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