Oliver Bierhoff – vom ETB zur Nationalmannschaft

Viele Fans hatten sich auf den Aufenthalt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Essen gefreut. Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Irland in Gelsenkirchen hatte das Team von Bundestrainer Jogi Löw im Atlantic Congress Hotel an der Grugahalle Quartier bezogen. Weltmeister zum Anfassen gab’s allerdings nur selten. Bei der Ankunft vor dem Hotel schrieben nur Toni Kroos und Thomas Müller Autogramme, das Abschlusstraining im Stadion Am Uhlenkrug fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Immerhin gab sich Teammanager Oliver Bierhoff in der alten Heimat volkstümlich. Gut gelaunt sprang der 46-Jährige am Uhlenkrug aus dem Auto, begrüßte Vater Rolf und einige alte Weggefährten, die vor dem Stadiontor auf ihn gewartet hatten, und erfüllte bereitwillig die Autogrammwünsche der kleinen und großen Fans, bevor er sich ins Clubhaus begab. Dorthin hatte der ETB Schwarz-Weiß geladen, um sein Sponsorenkonzept „Projekt Zukunft“ vorzustellen, und Oliver Bierhoff hatte sich spontan bereiterklärt, seinen Heimatverein zumindest mit seiner Anwesenheit zu unterstützen. 55 Jahre nach dem DFB-Pokalsieg (5:2 gegen Borussia Neunkirchen) geht es dem Traditionsclub sportlich wie finanziell gar nicht gut.

Das war noch anders, als Bierhoff 1985 nach sieben Jugendjahren am Uhlenkrug zum Bundesligisten Bayer Uerdingen wechselte. Der ETB hatte in der Oberliga Nordrhein, damals noch die dritthöchste deutsche Fußballklasse, nach spannendem Zweikampf mit dem Lokalrivalen Rot-Weiss nur knapp die Aufstiegsrunde zur Zweiten Bundesliga verpasst. Während es anschließend jedoch mit den Schwarz-Weißen kontinuierlich bergab ging, stieg das Stürmertalent nach anfänglichen Schwierigkeiten zum gefürchteten Torjäger und Nationalmannschafts-Kapitän auf.

Der Durchbruch gelang Bierhoff, der nach zwei Jahren in Krefeld auch beim Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach sein Glück versucht hatte, erst nach dem Wechsel ins Ausland. Nachdem er beim österreichischen Erstligisten Austria Salzburg Torschützenkönig geworden war, wurde Inter Mailand auf ihn aufmerksam, lieh ihn jedoch zunächst nach Ascoli aus. Bei Udinese Calcio wurde Bierhoff dann Torschützenkönig der italienischen Serie A, ehe er mit dem AC Mailand 1999 auch noch die italienische Meisterschaft holte.

Zu diesem Zeitpunkt war der Essener Junge allerdings längst berühmt. 1996 hatte er Deutschland mit seinen beiden Treffern gegen Tschechien zum EM-Titel geschossen. Sein 2:1 von Wembley ging als einziges Golden Goal bei einem internationalen Turnier in die Geschichte ein. In 70 Länderspielen erzielten Bierhoff 37 Treffer und wurde zum Abschluss seiner Karriere 2002 in Japan Vize-Weltmeister, bevor er 2004 den Posten des Teammanagers bei der Nationalmannschaft übernahm.

Als Bierhoff gute zehn Jahre später am Uhlenkrug in Trainingsjacke und Turnhose das Clubhaus am Uhlenkrug betrat, war so mancher Beobachter geneigt, den 46-Jährigen ob seines körperlichen Zustandes zu einem Comeback in der Nationalmannschaft zu überreden. „Beim Abschlusstraining darf ich immer ein bisschen mitmachen“, lieferte Oliver Bierhoff die Erklärung für sein sportliches Outfit.

Text und Bilder: Michael Köster

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