Vereinseigene Fitness-Studios und Angebote des gemeinwohlorientierten Sports

Darf der gemeinwohlorientierte Sport Fitnessangebote vorhalten oder gar Fitnessstudios betreiben?

Anfang Januar erhielt der Essener Sportbund e. V. (ESPO) Post von der Anwaltskanzlei Dr. Geisler pp. zum Thema Wettbewerbsverzerrung durch Sportvereinszentren. Offensichtlich war der Anwaltskanzlei nicht bekannt, dass der ESPO als Betreiber des Sport- und Gesundheitszentrums Helene zur „Gegenseite“ gehört. Es ist schon bemerkenswert, wie die FID (Fitnessinitiative) versucht, die Handlungsspielräume des gemeinwohlorientierten Sports einzuschränken oder glauben zu machen, dass das Engagement der Sportvereine der Untergang der Fitnessindustrie ist. Die FID möchte mit ihrer Lobbyarbeit schlichtweg die Arbeit tausender Sportvereine einschränken, da sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlt. Sie reduziert ihre Einflussnahme auf die Fragen, „darf der Sportverein ein Fitnessstudio betreiben“ und „darf die öffentliche Hand die Sportvereine in ihren Bemühungen, eine moderne Sportinfrastruktur aufzubauen, unterstützen“.

Mein Beitrag zu diesen Fragen ergibt sich aus meiner Tätigkeit als Geschäftsführer eines großen Sportbundes, der sich bereits seit Jahren auf diesem Gebiet bewegt. Als Interessensvertreter des gemeinwohlorientierten Sports darf ich meine persönliche (sportpolitische) Meinung und meine gewonnenen Erfahrungen und Anregungen weitergeben und für ein selbstbewusstes Auftreten des gemeinwohlorientierten Sports werben.

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?

Die ersten Sportvereine haben sich um 1830 gegründet und damit den Grundstein für ein über diese Zeit sich entwickelndes und staatlich gefördertes (Sport)Vereinsleben gelegt.

Die positiven Errungenschaften für das Gesellschaftsleben sind auf allen gesellschaftlichen Ebenen unbestritten. Unsere Gesellschaft wäre ohne die Vereinslandschaft um vieles ärmer.

So wie sich die Gesellschaft im Laufe der letzten 150 Jahre verändert hat, so hat sich auch der Sport allen gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Sportarten haben sich überlebt, andere sind neu hinzugekommen. Wettkampfbedingungen und Anforderungen haben sich erheblich verändert, nicht nur, weil die heute zur Verfügung stehenden Materialien andere Wettkampfbedingungen zulassen. Ebenso haben sich die Anforderungen an die Sportstätten verändert. Waren die ersten Sportlerinnen und Sportler im letzten Jahrtausend noch weit weg von normierten oder extra für den Sport konzipierten Einrichtungen, so ist heute die Ausübung des Sports in Gaststätten, an Flussufern oder Ackern nicht mehr denkbar und zeitgemäß. Die Anpassung an moderne Sporträume und die Bereitstellung von Sporträumen jeglicher Art erfolgte überwiegend und flächendeckend durch die öffentliche Hand. Parallel dazu haben aber auch Sportvereine immer für eigene Sporträume gesorgt, da wo die öffentliche Hand nicht nachkam oder weil normierte Sporträume heute nicht mehr  ausreichend sind, um ein modernes Sportangebot vorhalten zu können.

Aber eines ist über die gesamte geschichtliche Entwicklung geblieben. Der Sport, den wir vertreten, ist gemeinwohlorientiert geblieben. Sein Handeln ist nicht zum Wohl eines Einzelnen ausgerichtet, sondern dient dem Wohl der Allgemeinheit.

Dass mit dem Sport auch Geld verdient werden kann, ist so manchem Geschäftstüchtigen oder Investor nicht verborgen geblieben. Nach und nach wurde der Sport auch zum erfolgreichen Geschäftsmodell. Und plötzlich ist der gemeinwohlorientierte Sport Konkurrent einer florierenden Sportindustrie. Kaum eine Woche vergeht, indem nicht eine Sportkette eine Werbesendung der örtlichen Tagespresse beifügt und zuweilen für gerade 15 € Monatsbeitrag ein Abonnement bei einer Fitnesskette anpreist 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Langsam, schleichend hat sich ein Industriezweig entwickelt, der die Mitgliederzahlen des organisierten Sports überholt hat und der wohl jetzt die Deutungshoheit des Sports für sich reklamiert. Die Fitnessbranche bekämpft sich selbst mit knallharten Billigangeboten. Und jetzt erdreisten sich auch noch Sportvereine, ihren Mitgliedern Fitnessangebote zu unterbreiten oder gar das vereinseigene Fitnessstudio anzubieten, und das eventuell noch mit öffentlicher Unterstützung. Bei einem ruinösen Wettbewerb muss die Fitnesslobby natürlich agieren und Konkurrenten ausschalten. Hier stoßen sich offensichtlich marktwirtschaftliche gegen gemeinwohlorientierte (Sport) Interessen.

Aber zunächst einmal wieder zurück auf Start. Der Vereinssport war zuerst da und hat sich in seiner über Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte langen Geschichte weiterentwickelt. Der Vereinssport war über die gesamte Zeit Garant für eine Sportentwicklung. Die Vereine waren gut beraten aber auch gezwungen, ihre Vereinsangebote fortwährend einer modernen Sportentwicklung anzupassen. Heute werden neben den traditionellen Sportangeboten auch Trend-, Fitness-, Gesundheits- und Rehasportangebote für Jung und Alt angeboten. Vereine engagieren sich neben ihrem Wettkampfbetrieb im offenen Ganztag, im Sportunterricht der Schulen, geben Nachhilfeunterricht usw. Ganz nebenbei sind sie immer mehr in der Pflicht, Sportstätten selbst oder in Trägerschaft für öffentliche Einrichtungen zu übernehmen. Vereine, die sich nicht modern und mit einem umfassenden Angebot aufstellen, haben kaum eine Chance, neue Mitglieder zu werben oder langjährige Mitglieder zu halten. Dabei sind es in der Regel unsere großen Vereine, die neben ihrem klassischen Vereinsangebot ebenfalls die zuvor beschrieben Aufgaben für das Allgemeinwohl übernehmen und somit Aufgaben erfüllen, die von öffentlicher Hand nicht finanziert werden können. Der heutige Sportverein kann sich nicht nur auf seine ureigene Aufgabe zurückziehen, er bedient mit seinen Angeboten gesellschaftliche Felder, die weit über den Sportbetrieb hinausgehen. Aus diesem Grund wird er auch als Partner der öffentlichen Hand immer wichtiger, da diese die umfassenden Aufgaben einer daseinsorientierten Gesellschaft  aufgrund knapper finanzieller Mittel nicht im umfassenden Maße nachkommen kann  und/oder der Sportverein schlichtweg der bessere Dienstleister ist.

Aus eigenem Handeln ist mir nur zugut bewusst, was es heißt, eine öffentliche Sporteinrichtung mit allen Rechten und Pflichten zu übernehmen. Raum und Nutzungszeiten für die Öffentlichkeit, dem Vereins- und Schulsport zur Verfügung zu stellen, ohne einen ausreichenden Beitrag der öffentlichen Hand dafür zu erhalten. In den Bädern und öffentlichen Einrichtungen, die der ESPO – als Dachorganisation der Essener Sportvereine – für die Stadt Essen betreibt, halten wir auch entsprechendes Fitnessangebot und auch Studios vor. Ohne diese Angebote wären die Häuser nicht zeitgemäß, da Schwimmen alleine heute nicht mehr reicht. Der sportbewusste Mensch möchte das Komplettangebot. Ganz nebenbei sei angemerkt, dass wir uns auf diesem Gebiet nicht erst seit kurzer Zeit bewegen. Wir haben in Essen schon vor 30 Jahren begonnen, in sogenannten Sport- und Gesundheitszentren entsprechende Fitnesskurse und Studioangebote vorzuhalten, ebenso neben dem klassischem Vereinsangebot auch Sport in Kursform anzubieten. Unser Engagement war aber immer dem Gemeinwohl verpflichtet; viele Vereine wären heimatlos, dem Schulsport stände an so mancher Stelle nicht genügend Raum zur Verfügung. Der Zuschuss der Kommune für den Betrieb dieser Einrichtungen reicht heute nicht einmal aus, um den Energiekostenbedarf abzudecken.

Dass, was mit Hilfe des Sportangebots erwirtschaftet wird, dient als Grundlage für einen sozial verträglichen Vereins-, Öffentlichkeits- und Schulsport, da diese Nutzer keinen kostendeckenden Beitrag zahlen können (Sozialverträglichkeit). Was dann noch aus dem (semi) ehrenamtlichen Engagement übrig bleibt, wird zum Erhalt der Einrichtungen eingebracht. Gemeinwohlorientierung versus Gewinnmaximierung.

Der gemeinwohlorientierte Sport hat mit wachem Auge das Wachsen der Fitnessindustrie beobachtet und schmerzlich registriert, dass Mitglieder abwandern, um Angebote, die sich außerhalb des organisierten Vereins bieten, anzunehmen. Diese Entwicklung hat nicht unbedingt etwas mit einem fehlenden Vereinsangebot zu tun, sondern vielfach mit dem Glauben der „Vereinsmeierei“, ggf. noch ein Amt übernehmen zu müssen oder gar keine zeitgemäßen Sporträume vorzufinden. Die Sportvereine haben diese neue Konkurrenz angenommen und dort, wo sie konnten, ihre Angebote auf die neuen Erfordernisse, deren Erfüllung die Fitnessbranche als einzig wahrer Anbieter suggeriert, anzupassen. Den Vereinen ist bewusst, dass sie nicht auf allen Feldern den großen Fitnessketten Paroli bieten können. Den Sportvereinen wäre aber nie in den Sinn gekommen, gegen die gewerblichen Sportanbieter auf Unterlassung zu klagen oder zu reklamieren, dass nur der organisierte Sport die Deutungshoheit über den Sport besitzt.

Erleben wir nicht im Konkurrenzkampf genau Gegenteiliges, eine Art Scheinheiligkeit? Während die Fitnessbranche von Ungleichbehandlung spricht, da sie glaubt, durch öffentliche Subventionierung von Sportvereinen im Nachteil zu sein, versucht sie durch Gründung von Vereinen ein Bein in die Tür des organisierten Sports zu bekommen. Leider haben das auch einige Verbände noch nicht durchschaut und nehmen Physiotherapeuten mit eigenen Fitnessstudios den Vereinsstatus ab. Formal mag es sich nach dem Deutschen Vereinsrecht um einen Sportverein handeln. Aber haben diese Vereine, Fitnessbetreiber/Physiotherapeuten, bei Gründung des „Sportvereins“ ebenfalls die Zielsetzungen des gemeinwohlorientierten Sports im Sinn? Verwenden sie die Überschüsse in den Betrieb von öffentlichen Einrichtungen, organisieren sie das Vereinsleben von der Vereinsfeier über die Beitragsbefreiung sozial schwacher Mitglieder bis hin zur Finanzierung kostspieliger Wettkampfbetriebe? Bauen sie eigene Vereins- und Sporträume? Auch wenn sie nicht den Weg über den Eintrag ins Vereinsregister suchen, um (Gewinn)Vorteile zu erlangen, aber welcher Studiobetreiber übernimmt aus seinen Gewinnen Aufgaben des Gemeinwohls? Auf der gesamten Linie Fehlanzeige. Stattdessen jammern sie über einen ruinösen Wettbewerb, der aus ihrer Sicht noch durch den organisierten Sport verstärkt wird.

Ich meine, der organisierte Sport in Deutschland blickt mit Stolz auf  eine lange und erfolgreiche Vereinstradition zurück. Er ist im Gegensatz zu allen anderen gesellschaftlichen Vereinigungen mitgliederstark geblieben und hat in der gemeinnützig orientierten Form alle Krisen der letzten 100 Jahre überstanden. Dabei hat die Unterstützung durch die Förderung der öffentlichen Hand natürlich einen Anteil. Der Staat unterstützt aber gerade den organisierten Sport, da er wie kein anderer das gesellschaftliche Leben bedeutend mitprägt. Daher sollten wir selbstbewusst auftreten, unseren Sportler/innen ein umfassendes Sportangebot anbieten und uns nicht davon abhalten lassen, auch Angebote vorzuhalten, von der die Fitnessindustrie glaubt, die Deutungshoheit zu besitzen. Wir stehen für eine Gemeinwohlorientierung und treten weiterhin für ein umfassendes Sportangebot ein. Im Gegenzug respektieren wir, wenn sportlich interessierte Menschen ein Sportangebot neben dem klassischen Vereinssportangebot annehmen. Wir unterstützen (fast) jegliche Form von Bewegungsangeboten für Menschen, soweit sie gesundheits- und bewegungsförderlich sind.

Der organisierte Sport wird sich auch weiterhin den Erfordernissen einer modernen Sportgesellschaft stellen und in seinen gesellschaftlichen gemeinwohlorientierten Bemühungen nicht nachlassen. Insofern wird die öffentliche Hand gut beraten sein, den organisierten Sport weiter zu fördern, da sie letztendlich Nutznießer ist und auch zukünftig sein wird. Die Politik wird sich bei Diskussionen zu der Frage von möglichen Wettbewerbsverzerrungen genau überlegen müssen, welchen Weg sie zukünftig gehen möchte. Aus meiner Sicht ist das Anliegen der Fitnessindustrie eine Frage von Wirtschaftsförderung, da die Fitnessbranche ein wachsender und zunehmender Wirtschaftsfaktor ist. Auf der anderen Seite steht der gemeinwohlorientierte Sport, der aufgrund seiner geschichtlichen Entwicklung den Anspruch erheben darf und muss, ein modernes Sportangebot für seine Mitglieder vorhalten zu können. Und dazu gehören auch Fitnessangebote und das Vorhalten von Studios. Auf diesem Gebiet muss der DOSB mit der Politik ins Gespräch kommen und die Interessen des gemeinwohlorientierten Sports auf politischer Ebene vertreten. Wenn Politik sich letztendlich für die Stärkung des Wirtschaftsfaktors Sport mit Gewinnabsichten entscheidet, muss sie sich auch um die negativen Folgen eines eingeschränkt handlungsfähigen gemeinwohlorientierten Sports kümmern bzw. die vom Sport übernommenen gesellschaftlichen Aufgaben selbst wahrnehmen. Dann werden Fragen wie Integration, frühkindliche Bewegungserziehung, Bildungsarbeit, Gesundheitsförderung, Geselligkeit und soziales Zusammenleben, Organisation eines Wettkampfbetriebes bis hin zum Anspruch an Medaillienhoffnungen zu erörtern sein, da der Staat dann neue starke Partner benötigt. Vielleicht steht dann die Fitnessbranche als neuer Partner zur Verfügung.

Ich rate zu etwas mehr Gelassenheit in der Sache und empfehle, dem gemeinwohlorientierten Sport unter Beteiligung der öffentlichen Hand weiterhin Raum für eine moderne und gesellschaftsfähige Entwicklung einzuräumen. Im Gegenzug gestaltet er die vielfältigen Gemeinwohlaufgaben und ist weiterhin Garant für soziales Engagement. Hingegen kann die Fitnessindustrie ihre wirtschaftlichen Interessen auf dem Gebiet des Sports verfolgen und Angebote für diejenigen Menschen vorhalten, die sich mit dem gemeinwohlorientierten Sport nicht ausreichend versorgt fühlen.

Essen, 23. Januar 2014

Wolfgang Rohrberg

Geschäftsführer des Essener Sportbundes e. V.

Bild: © Bilddatenbank LSB NRW | Bowinkelmann

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